Zeugnis, Polizei, Auto
Ich spürte das warme Blut an meinem Kopf herunter laufen. Über meine Wangenknochen, meine Augenlider, über meinen Nasenrücken und meine Lippen. Ich schmeckte die rote, bittere Flüßigkeit in meinem Mund. Wie es an meinen Zähnen klebte. Meine Zunge fuhr automatisch über meine rissigen, roten Lippen. Ich verzog das Gesicht. Es schmeckte irgendwie süß und gleichzeitig furchtbar beißend.
Ich spürte wie meine Hand an meinen Kopf fuhr. Langsam und so als ob es nicht ich wäre der die Hand steuerte. Ich tastete meine Stirn ab. Meine Finger waren rot. Fast dunkelrot. Ich musste ein paar mal blinzeln. Es war unwirklich, als ob ich gar nicht dort liegen würde auf der kalten Straße. Der graublaue Asphalt unter mir mit den dreckigen, eiweißen Streifen. Als ob er gar nicht da wäre.
Ich hörte Reifen quietschen und irgendwo weit, weit weg ein Materhorn. Es war schrill und hallte nurch die kühle Nachluft. Ich konnte in den Himmel sehen. Er war sternenklar. Komisch, dachte ich. Die letzten Tage waren so verregnet gewesen, das die Sonne Schwierigkeiten hatte unter der grauweißen Decke hervorzuschauen um uns nicht so furchtbar frieren zu lassen. Und das obwohl es schon Ende April war. Im Fernsehen hatten sie gesagt, es war der regenreichste April der letzten dreißig Jahre gewesen.
Heute aber war der Himmel sternenklar. Wie ein schwarzes Tuch durch das jemand kleine, weiße Löcher gestochen hatte. Vielleicht war dahinter wirklich weiß und die Sterne waren nur herausgefallene Stücke, weil die schwarze Fassade des dunklen, schwarzen Himmels langsam bröckelte.
Plötzlich spürte ich Hände an meinen Schultern. Es blinkte überall. Von einem Moment zum nächsten. Rot. Blau. Rot. Blau. Dann wieder Rot. Ich fuhr zusammen. Von irgendwo her hörte ich Stimmen, aber so sehr ich mich auch konzentrierte, irgendwie kamen sie nicht an mein Gehirn an. Vor mir sah ich Menschen. Ich wusste nicht wieso, aber sie schauten mich an. Es roch nach Blut und Dreck. Nach Regen und Autos. Nach Benzin. Es ließ meine Gedanken schwammig werden. Ich konnte nicht klar denken.
Nur Timo war in dem Dunklen, Verschwommenen meiner Gedanken. Timo Hoffe. Mein bester Freund seit dem Kindergarten. Damals, kaum vier Jahr alt, hatten wir zusammen Räuber und Gendarm gespielt. Als wir älter wurden, hatten wir zusammen vor dem Kino herum gehangen und Mädchen aus unserer Stadt angemacht und heute hatten wir endlich unseren großen Tag gehabt. Endlich nach mühevollen Jahren voll Dauerstress und Verzweiflung hatten wir unsere Abschlusszeugnisse in der Hand gehalten. Ich hatte mich durch die ganzen Jahre durchkämpfen müssen, aber Timo hatte mir immer geholfen. Er war ein Naturtalent. Hatte aber noch nie damit angegeben. Als ich klein war, hatte er mir meine Hausaufgaben gemacht. In den Klausuren hatte er mir seine zugeschoben, damit ich nicht total versagte. Und nun hatte ich da gestanden, neben ihm. Mit einem Zeugnis in der Hand und einem fetten Grinsen im Gesicht. Mein Vater saß im Zuschauerraum neben meiner Mama und danben Timos Eltern. Sie hatten uns zugelächelt und mein Vater hatte stolz genickt. Er hatte noch nie so überzeugt ausgesehen. Ich lächelte. Er hatte mir das nicht zugetraut. Er hatte immer gedacht, ich wäre zu blöd für das Abi. Der Hoffe, der ist ein schlauer Junge, hatte er gesagt und mich mit seiner viereckigen Hornbrille gemustert. Nimm dir mal ein Beispiel an dem.
Aber er hatte Timo nicht gekannt. Timo war kein Mensch, den man seiner Schwiegermutter vorstellte. Er hatte schon mit vierzehn angefangen zu rauchen und konnte jeden noch so festen Säufer unter den Tisch trinken. Er hatte kein Mädchen, länger als einen Monat.
Nach ein bisschen reden mit den Lehrern, der Familie hatte er mich also am Arm gepackt und gesagt, komm, wir gehen einen saufen. Hast du dir verdient. Ich hatte nichts dagegen. Ich konnte ein gutes, kühlen Bier vertragen. Wir gingen in sein Lieblingslokal. Seine Stammkneipe. Ich mochte sie nicht. Da hingen komische Typen in den Ecken, die einen sofort anmachten, wenn man einen Blick auf ihre Freundinnen warf. Timo kam immer mit den Leuten klar. Ich nicht. Er hatte noch nie Stress gehabt. Außer vielleicht mit seinen ganzen Mädchen. Ich hingegen hatte immer und überall Ärger.
Wir tranken bis in die Nacht hinein. Timo war völlig dicht. Er konnte gar nicht gerade stehen. Er kippte vom Stuhl und lachte. Ich grinste verlegen und versuchte ihm schnell aufzuhelfen. Ein fetter Kerl in der Ecke grunzte. Ich hörte, wie er sagte, was die Kinder hier in der Bar wollten. Ich nahm Timo und trug ihn so gut es ging zum Auto. Meine Knie waren auch schon etwas wackelig. Ich wollte ihn auf den Beifahrersitz setzen. Aber er lallte, nein, er könne noch sehr gut alleine fahren. Er habe ja jetzt Abi, da könnte er auch eine dämliche Karre, zwei Blocks weiter um die Ecke kurven. Mir war es scheißegal. Ich wollte nur nach Hause. Timo ließ den Motor an und drückte auf das Gas. Wir standen in einer furchtbar kleinen Parklücke und Timo knallte sofort gegen die Stoßstange von einem roten Audi vor uns. Fuck, brüllte Timo und lachte. Ich schrie, er solle abhauen. Der Alarm ging an und er war so laut, das ich furchtbare Angst bekam. Komm, hau ab. Ich bezahl da nichts. Timo parkte aus und raste davon. Mir war es egal wie schnell er fuhr. Hauptsache weg.
Doch ich wusste nicht, das hinter der nächsten Biegung ein LKW wartete. Der Fahrer kam aus Polen. War schon seit zwei Tagen unterwegs und hundemüde. Er sollte irgendwelche Bauteile nach Deutschland bringen und hatte kaum geschlafen. Mal hier und da, auf Autobahnraststätten. Er achtete nicht auf die zwei Idioten, die auf einer leeren Hauptsraße mit satten 90 km/h den Asphalt herunterbretterten. Er blinkte und bog ab.
Timo bremste nicht.
Er lag neben mir, als ich die Augen wieder öffnete. Neben ihm bereitete sich langsam eine rote Blutlache aus. Das Licht von dem Polizeiauto, spiegelte sich in der Flüssigekeit. Er war immer ziemlich blass gewesen. Aber jetzt war er so weiß, wie der Krankenwagen neben ihm. Seine Augen waren geschlossen. Ich versuchte etwas zu sagen. Konnte aber nicht. Es war als ob nichts aus meinem Mund heraus wollten. Stattdessen fingen meine Augen an zu brennen. Ich spürte heiße Tränen meine Wange herunter laufen, die sich mit dem Blut vermischten.
Ich drehte den Kopf weg. Ich konnte das nicht sehen. Lieber den Sternenhimmel.
by L.I.